One click, one book – und niemand will es lesen
Bücher entstehen heute in Minuten. KI-gestützte Generatoren versprechen das erste Business-Buch für 29,95 Euro – erstellt mit ein paar Prompts, veröffentlicht im Handumdrehen. Wer in der Bücherflut nicht untergehen will, braucht vor allem eines: Qualität. Die entsteht nicht durch Klicks, sondern durch Arbeit – und durch Lust am Schreiben.
11.05.2026 | Michael Schickerling
Bücherschreiben war nie so einfach – und so belanglos
Veröffentlichen in Rekordzeit! Schreib dein erstes Business-Buch in Minuten, nicht in Jahren! One click, one book!
So lauten die Versprechen diverser Anbieter von KI-gestützten Buchgeneratoren, die »visionären Creator:innen, Wissenvermittler:innen, Vordenker:innen« zu ihrem ersten Buch verhelfen.1 Startpakete beginnen schon bei 10 bis 50 Euro, auf den Markt werfen lässt sich das so produzierte E-Book »im Handumdrehen« dann für 29,95.
29,95 Euro für ein E-Book, das jemand »in Minuten« mit ein paar Prompts zusammengeklickt hat? Zu einem Thema, von dem diese Person wenig bis keine Ahnung hat, das aber »trendet«? Warum sollte man die eigene Lebenszeit mit der Lektüre eines solchen Werks vergeuden, wenn die »Urheberin« oder der »Autor« die eigene nicht investieren wollte? Und was ist daran »visionär«?
Das Problem ist längst keine theoretische Debatte mehr. Das Manager Magazin hat dokumentiert, wie massiv die Entwicklung ist: KI-generierte Fake-Biografien zu einer Person, Tausende inhaltsleere Kinderbücher und Reiseführer. Und bei englischsprachigen Ratgebern ist die Zahl der monatlichen Veröffentlichungen seit ChatGPT um den Faktor 25 gestiegen.2 Hinzu kommen all die KI-Bücher, die falsche Informationen verbreiten, Orte erfinden oder ganze Bücher von bekannten Autorinnen und Autoren nachahmen.3
Die Schrottbuchschwemme ist keine ferne Dystopie, sie ist bereits Realität, denn die Eintrittshürde für Veröffentlichungen sinkt drastisch. Die Folge: Die Glaubwürdigkeit aller leidet.
Wenn nur noch die KI denkt
KI-gestützte Exposés und Texte landen immer öfter auf unserem Schreibtisch. Und ja, diese sehen auf den ersten Blick richtig gut aus: systematisch aufbereitet, inhaltlich vollständig, argumentativ plausibel und fast fehlerfrei.4 Eigentlich genau das, was das Herz von uns Buchstrategen begehrt. Und trotzdem stimmt etwas nicht, das spüren auch Leser und Verlage.
Wer genau hinschaut, entdeckt: Worthülsen statt Tiefe, Perfektion ohne Bedeutung. Kein Satz, kein Gedanke, bei dem wir begeistert sagen: Wow, das haben wir so noch nie gelesen! Alles rauscht störungsfrei vorbei, nichts erzeugt Reibung, schön glattpoliert und austauschbar. Ein Buch, das genauso gut von anderen hätte kommen können – oder von niemandem.
Das Erstaunliche ist weniger, dass KI überhaupt Bücher schreiben kann, sondern: wie schnell man merkt, dass man diese gar nicht lesen mag.
Natürlich darf KI Verwendung finden, wo sie echten Mehrwert liefert – etwa bei Recherchen, für zusätzliche Qualitätschecks oder als Impuls, wenn es mal stockt. Doch je leichter es wird, Texte zu erzeugen, desto schwieriger wird es, gute zu schreiben. Buchmarktexperte Rüdiger Wischenbart fragt zu Recht: »Muss das Ergebnis deshalb gleich banal sein? Nur, wenn ich meine Rolle als Autor und die Möglichkeiten der KI falsch verstehe.«5
In der Masse wird Qualität sichtbar
Früher war Wissen schwer zugänglich und eine Veröffentlichung teuer. Heute ist beides nahezu unbegrenzt verfügbar, und jeder kann schnell viel Content publizieren. Aber ein Buch schreiben, das in Erinnerung bleibt?
Hierin liegt eine Chance. Was fehlt, ist nämlich nicht mehr Inhalt, es ist die unverwechselbare Perspektive. Das Wissen, das nur diese eine Person hat. Die Erfahrung, die kein Wettbewerber kopieren kann. Die Haltung, die sie von allen anderen unterscheidet. Und die Bereitschaft, zu gewichten, Widersprüche auszuhalten und sich auf eine Position festzulegen. All das steckt in keiner KI, das steckt im Kopf von Autorinnen und Autoren, halb unbewusst, halb für selbstverständlich gehalten. Und das macht den wahren Wert eines Buchs aus.
In unseren Workshops suchen wir deshalb nach dem verborgenen Kern und fragen: Was wissen Sie, was andere nicht wissen? Welche Erfahrungen können nur Sie weitergeben? Was begeistert Sie an Ihrem Thema? Woran haben Sie sich die Zähne ausgebissen? Darauf bauen wir auf und entwickeln ein Konzept, das so keine KI entwerfen kann – egal, wie gut die Prompts dahinter sind: mit überzeugender Dramaturgie, belastbarer Substanz und stimmigem Ton. Erst wenn dieses Fundament steht, kommt der Rest: Titel, Leseprobe, Verlagssuche.
Wir haben in den vergangenen Jahren zig Bücher begleitet – von der ersten Idee bis zur Veröffentlichung. Und wir wissen: Die besten Ergebnisse gibt es nicht durch Abkürzungen, nicht in ein paar Minuten, sondern durch intensives Fragen, Widersprechen, Schärfen. Nur so entsteht etwas, das bleibt, wenn alles andere in der Masse verschwindet.
Weil Bücher Haltung erfordern, Mühe verdienen – und lesenswert sein sollen.
Quellen
- Quellen nennen wir ausnahmsweise nicht, sie sind uns aber bekannt.
- Henning Hinze: »In der Schrottbuchpresse«, Manager Magazin 02/2026.
- Patrick Meier: »Wie KI-Bücher Amazon KDP überfluten und den Buchmarkt verändern«, BuchMarkt, 17. November 2025.
- Alberto Romero: »10 Signs of AI Writing That 99% of People Miss«, Algorithm Bridge, 3. Dezember 2025.
- Rüdiger Wischenbart: »Lasst uns eine, zwei – nein, unendlich viele Geschichten erzählen«, Vortrag, future!publish, 31. Januar 2025.