Ein Buch schreiben – Lust oder Leid?
Weil Bücher alles können. Auch Arbeit machen.
26.05.2026 | Carolina Pasamonik
Wer ein Buch schreiben will, hat oft eine erstaunlich romantische oder erschreckend brutale Vorstellung vom Schreibprozess. Die romantische Version folgt dem Dreiklang Kaffee, Klarheit, Konzentration: Irgendwann ist der Gedanke da, dann kommt der Flow – und plötzlich schreibt man sich in einem Zustand höherer geistiger Erleuchtung durch 200 Seiten. Die brutale Version klingt anders: monatelanger Tunnel, eiserne Disziplin, regelmäßige Nervenzusammenbrüche, totale Selbstaufgabe.
Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen. Ein Buch zu schreiben ist weder göttlicher Ausnahmezustand noch monatelange Strafarbeit. Es ist vielmehr ein Prozess mit Planung, produktivem Leerlauf, kleineren Krisen, verrückten konstruktiven Phasen, sehr normalen Hängern. Und der wiederkehrenden Erkenntnis, dass sich Denken und Schreiben leider nicht immer an Kalenderlogik halten.
Die gute Nachricht: Ein professioneller Schreibprozess dauert keine Ewigkeit. Die ehrlichere Nachricht: Er läuft fast nie so glatt, wie man es sich am Anfang vorstellt.
Sechs Monate – aber nicht im Schreibbunker
Mit Begleitung dauert ein Buchprojekt mit Konzepterstellung, Verlagssuche und Schreibprozess in der Regel zwölf Monate. Das Schreiben selbst nimmt hierbei etwa die Hälfte der Zeit in Anspruch. Das heißt aber nicht, dass man ein halbes Jahr lang rund um die Uhr in Klausur sitzt und mit der Außenwelt nur noch über Korrekturen und Kapitellängen spricht. Ein Buch entsteht nicht 24/7. Es entsteht eher in Phasen, in guten und in schlechten.
Zunächst mal geht man weiterhin dem Hauptberuf nach – Sachbücher, Fachbücher oder Ratgeber werden selten von Vollzeit-AutorInnen geschrieben. Nach einem anstrengenden Arbeitstag können die einen noch ihrer Leidenschaft frönen und wunderbar schreiben. Alle, die es nicht können, müssen sich jedoch nicht grämen, sie sind damit nicht allein. Und finden andere Slots.
Schreibt man, so gibt es Tage, an denen schreibt man viel. Tage, an denen man sortiert. Tage, an denen man recherchiert. Und Tage, an denen man denkt, man habe überhaupt nichts geschafft, obwohl das Gehirn im Hintergrund längst an einer Argumentation, einem Beispiel oder einer Formulierung arbeitet.
Den Endgegner degradieren
Zuvor gibt es allerdings diesen einen Tag, an dem man glaubt, jetzt gehe es los – und an dem man vor der leeren ersten Seite erstarrt. Schreiben ist jedoch nicht nur konkretes Tippen ab dieser berüchtigten ersten Seite. Es beginnt viel früher mit Gedankensträngen, Recherchen, Argumentationsketten, Detailierung der angedachten Struktur. Diskussionen mit Gleich- und Andersdenkenden. Vielleicht auch mit sehr vielen Notizen und Dateien.
Hat diese professionelle und konzeptionelle Vorarbeit stattgefunden, wirkt die erste Seite fast wie eine Einladung.
Tut sie es nicht, darf und sollte man sie mit »irgendetwas« füllen, wenn es hakt: Einfach mal Journaling betreiben, bis die Seite voll ist – und ein Satz erscheint, der packt.
Danach folgt konzentrierte Fleißarbeit – denn der geniale Märtyrer in uns kann warten. Natürlich braucht es Leidenschaft, Wissen, Sprachwitz, aber nicht in jeder Sekunde, und eher selten zu Beginn. Zunächst gilt es, dem wohlüberlegten Konzept zu folgen und die geplante Dramaturgie nachzuzeichnen. Das ist der hart geebnete Weg, der vieles erleichtert.
Gut Anfang will Weile haben
Eine der unangenehmsten Überraschungen im Schreibprozess: Der Anfang erscheint nicht nur gruselig, er zieht sich häufig viel länger als erwartet. Das hat weniger mit der eigenen Fähigkeit zu tun als mit der Tatsache, dass zu Beginn besonders viel gleichzeitig passiert.
Man hat Ton und Inszenierung sowie alle Inhalte, Formulierungen und Anekdoten gleichzeitig im Kopf, prüft noch den geplanten Ablauf, ringt mit dem Einstieg – und versucht zugleich herauszufinden, wie man als AutorIn dieses Buches überhaupt klingen will.
Das erste Kapitel ist deshalb nicht einfach nur »der Anfang«. Es ist eine Art Labor für das zuvor etablierte Fundament mit Konzept, Tonalität und Form. Hier entscheidet sich sehr viel: Sprache, Haltung, Tempo, Leseführung, Perspektive. Kein Wunder also, dass gerade dieser Teil unverhältnismäßig viel Zeit frisst – erfahrungsgemäß bis zu 40 Prozent der gesamten Schreibdauer. Der Rest geht danach oft deutlich schneller, weil sehr viele wesentlichen Entscheidungen schon getroffen sind.
Linear schreiben? Schön wär’s
Schreiben ist auch nicht nur lineares Tippen, selbst wenn viele sich den Prozess so vorstellen: Kapitel 1, Kapitel 2, danach Kapitel 3, immer der Reihe nach. Je nach Konzept und Inszenierung ist dies oft sogar sinnvoll. Gleichzeitig gehören zum Schreiben auch Verwerfen, Gewichten, Umstellen, Nachschärfen und gelegentliches Verzweifeln an Sätzen, die gestern noch brillant wirkten.
Das zeigt sich manchmal erst mitten im Manuskript. In Kapitel 3 fällt plötzlich auf, dass Kapitel 1 die These bereits aufgelöst hat. Löscht man dieses gleich wieder, läuft man Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Sinnvoller ist, erst mal zu rekonstruieren, warum dies geschehen ist, welchen Vorteil es bringen, wie Kapitel 3 den zuvor eingeführten Aspekt aufgreifen kann. Gelingt dies nicht und bleibt die Diskrepanz bestehen, braucht es radikalere Schritte: Was zuvor im Kopf so viel Sinn ergeben hat, scheitert an der Realität – und muss weg. Wer zu lange versucht, alles schon Geschriebene zu retten – weil es eben schon mühevoll geschrieben ist –, gewinnt selten, verliert aber enorm viel Zeit und Nerven.
Krisen: Nervige Chancen mit Aufputscheffekt
Es gibt diese Stellen, an denen gar nichts mehr geht. Ein Kapitel nimmt zu viel vorweg, ein anderes klingt nicht richtig. Eine Passage bleibt flach, eine Argumentation funktioniert nicht. Und der geplante Spannungsbogen tut alles, nur keine Spannung erzeugen. Alles unerquicklich, alles nervig – und doch meist produktiver, als es sich in dem Moment anfühlt.
Denn genau an solchen Stellen zeigt sich, wo noch etwas fehlt: vielleicht eine Perspektive, vielleicht eine stärkere Entscheidung, vielleicht der besagte Mut, etwas wegzulassen. Probleme im Schreibprozess sind nicht nur Hindernisse, sie sind Hinweise darauf, wo das Buch noch nicht ganz bei sich ist.
Buchschreiben ist selten ein sauberer, linearer Hochleistungsprozess. Krisen werden kommen, ob beim ersten oder beim zehnten Buch, doch auch sie führen regelmäßig zu Erkenntnissen – und sind schlicht unausweichlich.
Das bringt nicht durchgehend Spaß, aber Erfolg, Stolz und Weiterentwicklung. Wer all das weiß, schreibt nicht automatisch schneller. Aber meist entspannter – und oft auch besser.