Sparringspartner, kein Ghostwriter

In einem früheren Beitrag haben wir gezeigt, warum KI-Bücher nicht funktionieren. Jetzt fragen wir: Wo hilft KI im Buchentwicklungsprozess tatsächlich? Was sind die häufigsten Missverständnisse? Und warum ist Haltung wichtig?

Im Mondschein Gedichte träumen

»Vervollständige den Satz: Ein Vogel kann …« – so beginnt eine der Übungen in meinen KI-Seminaren. Temperatur auf 0.1: »Ein Vogel kann fliegen.« Korrekt, erwartbar, tadellos. Dann ein einziger veränderter Parameter. Temperatur auf 1.0: »Ein Vogel kann im Mondschein Gedichte träumen.«

Hier wird deutlich, was KI in einem Buchprojekt kann: auf Wunsch das Erwartbare, auf Wunsch das Überraschende. Den Regler zu kennen, ist die Aufgabe der Menschen vor dem Chatbot.

Wir haben in unserem Blog bereits darüber geschrieben, warum KI-generierte Bücher problematisch sind: Weil ein Buch, das niemandes Mühe kostet, niemandes Zeit verdient.1 Diese Überzeugung hat sich nicht geändert.

Die KI wird nie wieder so schlecht sein, wie sie einmal war

Im Februar 2023, als die erste große Auseinandersetzung mit ChatGPT und der Buchbranche erschien,2 war das Urteil zu KI-Recherche und KI-Texten noch eindeutig: Vorsicht! Die Modelle halluzinierten, erfanden Quellen, lieferten keine überprüfbaren Belege.3

Inzwischen ist das Bild differenzierter. Deep-Research-Funktionen und gezieltes Prompting ermöglichen Vorarbeiten, die manuell Stunden kosten würden. Texte, die vor zwei, drei Jahren noch stark holperten, klingen viel natürlicher. Korrekturfunktionen reduzieren den Fehleranteil spürbar, ersetzen aber das menschliche Korrektorat bislang nicht.

Das wichtigste Learning aus dreieinhalb Jahren: Die KI wird nie wieder so schlecht sein wie heute. Was gestern nicht klappte, funktioniert heute. Wer einmal ausprobiert, enttäuscht aufgehört und seitdem nicht mehr hingeschaut hat, kennt ein anderes Werkzeug als das, das es jetzt gibt.

Wie KI Ihr Buchprojekt weiterbringt

KI ersetzt nicht die Arbeit an einem Buchkonzept, nicht das kritische Durchdenken eines Arguments und nicht die Entscheidung, welche Geschichte Sie erzählen wollen und wie. Was sie kann, ist etwas anderes: bestimmte Schritte beschleunigen, Perspektiven einbringen, Vorarbeiten abnehmen.

  • Ideen finden. KI kombiniert Themen und Kontexte, die so noch nie zusammengefügt wurden – aus einer Datenmenge, die kein einzelner Mensch überblickt. Drei Sätze zu Ihrem Buch, zwanzig Titelvorschläge zurück. Nicht alle davon taugen, aber unter zwanzig stecken immer ein paar, die eine Denkrichtung eröffnen, auf die Sie allein nicht gekommen wären.
  • Struktur vor dem Schreiben testen. Gliederung eingeben, Zielgruppe und Kernaussage schildern, dann fragen: Wo ist der rote Faden dünn? Was fehlt? Welche Kapitel bauen nicht aufeinander auf? Das ist eine schnelle Außenperspektive – kühler als das Feedback von Kollegen, die Ihnen nichts Schlechtes sagen oder um jeden Preis hilfreich sein und zig Vorschläge machen wollen.
  • Persona-Chatbot nutzen. Wenn Sie Ihre Hausaufgaben gemacht haben, Ihre Zielgruppe kennen, eine konkrete Leserpersona entwickelt und deren Erwartungen formuliert haben, lässt sich ein entsprechender Chatbot schnell erstellen. Und dann können Sie ihn mit Fragen löchern: Würde dich dieser Titel ansprechen? Was würdest du von Kapitel 3 erwarten? Welche Einwände hättest du? Viele sind überrascht, wie wenig technisch das ist – und wie nützlich als erste Überprüfung einer Idee.
  • Recherche vorbereiten. KI-gestützte Recherchen leisten inzwischen brauchbare Vorarbeit. Sie durchforsten Kontexte, die manuell Stunden kosten würden, stellen Zusammenhänge her, liefern erste Einordnungen. Halluzinationen kommen seltener vor als 2023 – aber sie kommen vor. Alles, was Sie übernehmen, müssen Sie gegenchecken.
  • Exposé vor dem Versand prüfen: Bevor ein Exposé an Verlage geht, lohnt eine zusätzliche KI-Analyse zu Stärken, Schwächen, Inkonsistenzen. Passt die Zielgruppenansprache? Trägt das Argument? Stimmt die Positionierung gegenüber Konkurrenzwerken? Eine schnelle Kontrollschleife – kein Ersatz für das Urteil von jemandem, der Buchprojekte und Verlage kennt.

All das funktioniert mit präzisem Prompting ziemlich gut – vorausgesetzt, jemand kann beurteilen, welche Vorschläge tragen und welche bloß plausibel klingen

Die KI scheitert selten allein

Dennoch fallen die Ergebnisse der KI oft enttäuschend aus – und fast immer liegt die Ursache in einem dieser Fehler:

  • Zu viel auf einmal. Das vollständige Buchkonzept, die fertige Recherche, die endgültige Gliederung – alles in einem Prompt. Das Ergebnis ist dann meist ziemlich generisch, flach, kaum verwertbar. Besser: eine Aufgabe, ein Schritt, eine Frage.
  • Zu unklar formulieren. »Schreib mir was über mein Thema.« KI kann nur so gut sein, wie die Aufgabe gestellt ist. Wer präzise briefen kann – mit Kontext, Ziel, Zielgruppe –, erhält deutlich bessere Ergebnisse. Es ist dieselbe Disziplin, die ein gutes Exposé braucht.
  • Beim ersten Misserfolg aufhören. Der erste Versuch enttäuscht, der Frust über die miese KI wächst. Dabei liegt die Stärke im iterativen Arbeiten: prompten, prüfen, anpassen, wieder testen. KI ist kein Orakel, sondern ein Werkzeug, das man führen muss.

KI ist ein nützlicher Sparringspartner – für die richtigen Momente, mit den richtigen Fragen, eingesetzt von jemandem, der beurteilen kann, ob die Antworten taugen.

Wer ohne Fachwissen promptet, bekommt Material geliefert, dessen Qualität kaum einzuschätzen ist. Wer mit Expertise promptet, gewinnt ein schnelles Gegenüber, das selten müde wird.4

Haltung zählt

KI kann keine Haltung haben. Sie kann keine Position vertreten, die polarisiert, provoziert, wirklich überzeugt – weil das voraussetzt, dass jemand etwas riskiert. Sie kann keine Erfahrungen weitergeben, die Sie in zwanzig Berufsjahren gesammelt haben. Und sie kann keine Geschichte erzählen, die so nur Ihnen passiert ist.

Was ein Buch unvergesslich macht: der Moment, in dem Leserin oder Leser denkt: Das habe ich noch nie so gehört, das will ich nochmals lesen. Dieser Moment entsteht aus einer Stimme, die unverwechselbar ist, aus all dem Wissen, das genau diese Person hat, und aus einer Haltung, die sich nicht wegpromten lässt. Das steckt in keiner KI, sondern allein in Ihrem Kopf – halb unbewusst, halb für selbstverständlich gehalten. Genau das herauszuarbeiten, ist die eigentliche Arbeit.

Daran hat sich seit 2023 nichts geändert. Was sich verändert hat: Die Maschine ist besser geworden, und die Anforderungen an den Menschen sind gestiegen. Die Mühe lohnt sich: Weil Bücher verändern, wie jemand denkt – aber nur, wenn jemand anderes zuvor wirklich gedacht hat.

Quellen

  1. Siehe »One click, one book – und niemand will es lesen«.
  2. Michael Schickerling, Kai-Uwe Vogt: »Künstliche Intelligenz – ein Fazit«, Börsenblatt, 22. Februar 2023.
  3. Eva Wolfangel: »Wie man Chatbots die Wahrheit beibringt«, Zeit, 26. Februar 2023.
  4. Michael Schickerling, Carolina Pasamonik: »Kreativschub statt Kontrollverlust«, digital publishing report, 24. März und 9. April 2025.
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