Das klärt sich beim Schreiben! Der teuerste Satz beim Büchermachen

Manche kommen mit zwanzig Seiten, manche mit hundertzwanzig. Manche mit einem fast fertigen Manuskript und dem Gefühl, irgendwo festzustecken. Gemeinsam haben sie eines: viel geschrieben, kein Konzept.

Eine Buchidee ist noch kein Konzept

Wer ein Buch schreiben will, hat eine Idee, meist eine ziemlich gute. Nur ist eine Idee noch kein Konzept – und noch lange kein fertiges Buch.

Ein Konzept klärt all die Aspekte, die die Idee offenlässt: Für wen ist das Buch? Was soll die Leserschaft nach der Lektüre anders sehen, können oder tun? Was macht dieses Buch unverwechselbar? Warum diese Autorin, dieser Autor? Und wie fügen sich die Inhalte interessant und schlüssig aneinander? Gibt es auf diese Fragen keine klaren Antworten, schreibt man gegen einen unsichtbaren Widerstand. Seite für Seite, bis der Text »fertig« ist – und sich trotzdem falsch anfühlt.

Auf dem deutschsprachigen Buchmarkt erscheinen jährlich knapp 70.000 neue Titel, und die Verlage agieren damit bereits selektiver als in früheren Jahren.¹ Mehr als die Hälfte aller verkauften Bücher stammt aus der Backlist, also aus Titeln, die mindestens ein Jahr alt sind.² Die, die das schaffen, haben fast immer ein starkes Konzept – weil Bücher nur dann jahrelang wirken, Karrieren prägen, Diskurse anstoßen oder Wissen zugänglich machen, wenn sie von Anfang an wissen, was sie leisten sollen.

Vom Wer und Warum zum Was und Wie

Wer mit dem Inhalt anfängt, setzt am falschen Ende an. Denn zuerst geht es um die Person, die schreiben will: Wer bin ich und was macht mich besonders? Was unterscheidet meine Perspektive auf dieses Thema von allen anderen? Das klingt nach Selbstreflexion, hat aber einen harten strategischen Kern: Leserschaft, Medien und Verlage beurteilen zuerst die Absenderkompetenz. Nur wer sie benennen kann, wird sie auch im Buch überzeugend vermitteln.

Der nächste Schritt ist die Zielgruppe – und das meint keine Demografiestatistik, sondern eine konkrete Person. Wer hält dieses Buch in Händen? Was treibt sie in ihrem Beruf um? Was liest sie in ihrer Freizeit? Wovor hat sie Angst, und was erhofft sie sich von einem Buch zu diesem Thema? Je deutlicher diese eine Person vor Augen steht, desto leichter fällt die nächste Frage: Was verspricht ihr dieses Buch? Dieses Nutzenversprechen ist die entscheidende Basis – nicht nur für das Konzept, sondern für den gesamten Schreibprozess danach. Wird es nicht präzise formuliert, spürt man das spätestens dann, wenn Kapitel inhaltlich ausfransen oder der rote Faden verloren geht.

Erst wenn Profil, Persona und Nutzenversprechen stehen, beginnt die eigentliche Inhaltsarbeit: Welcher Buchtyp passt? Welche Thesen, Beispiele und Geschichten gehören hinein und welche nicht? Und wie wird das Ganze aufgebaut und inszeniert? Die Möglichkeiten sind viel weiter, als die meisten denken.

Ein Sachbuch kann sein Publikum als Protagonisten durch das Thema führen – Kapitel für Kapitel als Mission, als Abenteuer, als Weg aus einer Krise. Es kann dasselbe Szenario aus mehreren Perspektiven zeigen und dabei sichtbar machen, was ein einziger Blickwinkel nie zeigen könnte. Es kann Irrtümer als Struktur nutzen: Wer falsche Annahmen Schritt für Schritt aufräumt, erzeugt Erkenntnismomente, die haften. Eine starke Metapher – ein Tauchgang, eine Rennstrecke, eine Reise – kann das gesamte Buch tragen, wenn sie wirklich zum Thema und zur Zielgruppe passt. Und manche Bücher gewinnen genau dadurch, dass sie nicht linear erzählen: Der Einstieg liegt am Ende, die Zeit springt, und man versteht beim Lesen erst im Nachhinein, warum. Nicht jede Inszenierung passt zu jedem Thema – und welche die richtige ist, ergibt sich aus dem, was vorher über Autorenprofil, Persona und Nutzenversprechen geklärt wurde.

Das Ergebnis dieses Prozesses mündet in ein Exposé – den verbindlichen Masterplan für das Schreiben und zugleich den entscheidenden Verkaufsprospekt bei der Verlagssuche.

Wer das eigene Buchprojekt im Exposé nicht auf wenigen Seiten darstellen kann, wird sich auf mehreren hundert Seiten schwertun.

Widerstände von vielen Seiten

So nachvollziehbar dieser Weg ist, in der Praxis tauchen an jeder Stelle Widerstände auf.

Manchmal liegt das Problem tiefer, als man erwartet: In unseren Konzeptworkshops adressieren wir zunächst nicht den Inhalt, sondern die Person dahinter. Wofür ich stehe und was ich selbst Neues zu diesem Thema beizusteuern habe, ist schwerer zu beantworten als die Frage: Was will ich schreiben? Viele haben das für sich noch nie so direkt formulieren müssen. Wer solche Punkte übergeht – weil sie unbequem sind, weil die Deadline drängt, weil man lieber gleich anfängt zu schreiben –, begegnet ihnen später immer wieder.

Manchmal steckt die Schwierigkeit in der Nähe zur eigenen Idee: Wer lange allein an einem Konzept arbeitet, verliert den Blick von außen. Es fühlt sich schlüssig an – weil man selbst zu dicht dran ist, um die Lücken noch zu sehen. Genau dafür ist kritisches Sparring da: nicht um zu bestätigen, was schon feststeht, sondern um sichtbar zu machen, was fehlt.

Und manchmal entsteht der Widerstand woanders. Von außen kommen oft viele Stimmen hinzu, sobald ein Konzept Form annimmt. Bekannte, Kolleginnen, PR, Rechtsabteilung, Geschäftsführung – alle lesen mit, alle haben Anmerkungen. Was als pointiertes Buch beginnt, verliert dabei Zug um Zug seine Kanten. Am Ende entsteht ein Werk, das niemanden verprellen will und deshalb auch niemanden wirklich erreicht. Ein Buch, das etwas sagen will, muss auch etwas sagen dürfen.

Drei Sätze sollten also alle, die ein Buch schreiben, jederzeit griffbereit haben: Für wen ist dieses Buch? Was verspricht es dieser Leserin? Und warum bin ich die richtige Person, es zu schreiben? Wenn diese Antworten klar sind, hat das Konzept ein Fundament. Wenn nicht, ist das der Ausgangspunkt – nicht der Endpunkt.

Quellen

  1. Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Hg.): Buch und Buchhandel in Zahlen 2024. Frankfurt a. M.: MVB, 2025.
  2. Börsenverein des Deutschen Buchhandels: »Wie geht es dem Buchmarkt 2024/2025? Aktuelle Zahlen und Trends«, Wirtschaftspressekonferenz, Frankfurt a. M., 10. Juli 2025.
small